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Senatskanzlei

Senatsempfang für Friedensaktivisten - Bürgermeister Böhrnsen würdigt Ludwig Baumann

14.12.2011

„Wir sind gefordert, gewaltfrei zu handeln!“ Dieses Baumann-Zitat stellte Bremens Bürgermeister Jens Böhrnsen am Dienstagabend (13. Dezember) an den Anfang seiner Ansprache anlässlich des Senatsempfangs für Ludwig Baumann, der an diesem Tag seinen 90. Geburtstag feierte. Mit dem Empfang im Rathaus würdigte der Senat die Lebensleistung des Wahl-Bremers. Fast 200 Gäste waren dafür gekommen; Angehörige, Freunde und langjährige Mitstreiterinnen und Mitstreiter der Friedensbewegung.

Bürgermeister Jens Böhrnsen zusammen mit Ludwig Baumann, Prof. Manfred Messerschmidt (Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz) und Günter Knebel (Schriftführer der Bundesvereinigung) während des Senatsempfangs in der Oberen Rathaushalle (1. Reihe v.l.), jpg, 113.9 KB
Bürgermeister Jens Böhrnsen zusammen mit Ludwig Baumann, Prof. Manfred Messerschmidt (Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz) und Günter Knebel (Schriftführer der Bundesvereinigung) während des Senatsempfangs in der Oberen Rathaushalle (1. Reihe v.l.)

In einem Rückblick schilderte Jens Böhrnsen die einschneidenden Ereignisse im Leben von Ludwig Baumann. Mit 19 Jahren wurde der hanseatische Kaufmannssohn aus Hamburg 1940 in den Sog des Zweiten Weltkriegs gezogen. Nach zwei Jahren in der Wehrmacht entzog sich Baumann dem Krieg und desertierte 1942 mit anderen Soldaten. Er wurde gefasst und von einem Militärgericht zur Todesstrafe verurteilt. Erst nach zehn Monaten in der Todeszelle wurde das Urteil auf zwölf Jahre Zuchthaus abgeändert. Darauf folgten Folter im Konzentrationslager, Einsitzen im Wehrmachtsgefängnis und schließlich der Einsatz in einem Strafbataillion an der Ostfront, den er letztlich überlebte.
„Aber auch im Nachkriegsdeutschland“, so Böhrnsen, „hörte Ihr Leiden noch nicht auf. Man grenzte Sie aus, versuchte zu stigmatisierten. Sie galten nach damaligen ‚Recht‘ immer noch als vorbestraft und man behandelte Sie als Kriminellen. Das treibt uns heute noch die Schamesröte ins Gesicht!“

In Bremen baute sich Baumann nach dem Krieg seine neue Existenz auf. Er heiratete, wurde Vater von sechs Kindern. Nach der Geburt des sechsten Kindes im Jahr 1966 starb die Frau und Mutter seiner Kinder. Eine äußerst schwere Zeit für die Familie.

Erst in den 1990er Jahren wendete sich das Blatt für ehemalige Kriegsflüchtige. Ludwig Baumann gründete in Bremen-Nord im Lidice-Haus die „Bundesvereinigung der Opfer der NS-Militärjustiz e.V.“, deren Vorsitzender er über viele Jahr war. 1991 sprach das Bundessozialgericht erstmals der Witwe eines Hingerichteten Entschädigungszahlungen zu. 1995 kam auch der Bundesgerichtshof zu der Auffassung, dass die Wehrmachtsjustiz „zu einer pervertierten Rechtsordnung“ im Nazideutschland geführt hatte. 1998 wurde vor der damaligen Bundestagswahl ein Gesetz zur Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile verabschiedet. Dieses Gesetz hob aber zunächst nur Urteile des Volksgerichtshofs und der Standgerichte auf. Erst fünf Jahre später (2002) wurde dann mit rot-grüner Mehrheit ein Änderungsgesetz in Kraft gesetzt, mit dem auch Wehrmachtsdeserteure rehabilitiert wurden. Dann dauerte es nochmal sieben Jahre, bis der Bundestag 2009, und diesmal einstimmig, mit einem weiteren Gesetz auch die Urteile gegen so genannte Kriegsverräter aufhob.

„Sie waren Motor und treibende Kraft für diese Entwicklung. Ihr Weg war lang, aber letztlich zum Glück erfolgreich und beispielhaft für unsere Gesellschaft“, betonte Bürgermeister Böhrnsen. Er könne Baumann versichern, dass das Land Bremen vor dem Hintergrund der aktuellen Terrorismusdebatte keiner wie auch immer gearteten Zentralisierung der Strafverfolgungsbehörden zustimmen wird. „Es wird mit uns in Deutschland keine ‚Sondergerichtsbarkeit‘ mehr geben“, so Böhrnsen.

Der erstaunlich rüstig und präsent wirkende Baumann ist noch immer in der ganzen Republik unterwegs und berichtet als vermutlich einer der letzten Zeitzeugen in Schulklassen von seinen Erlebnissen mit der NS-Militärjustiz und seiner erst späten Rehabilitierung durch die Rechtsprechung im wiedervereinigten Deutschland.

Bürgermeister Jens Böhrnsen dankte am Ende seiner Rede Ludwig Baumann für sein unermüdliches Engagement mit einem Geschenk des Senats – einen silbernen Bremer Schlüssel.

Foto: Senatspressestelle