Wilde Weiden: Erste Rinder auf dem neuen Beweidungsareal Weserbogen
27.04.2026Am Wochenende ist in Bremen offiziell die Weidesaison gestartet – und auch an anderen Orten der Stadt sind bereits Rinder auf die Flächen gezogen. Eines dieser neuen Areale liegt in der Weidelandschaft Weserbogen im Naturschutzgebiet "Neue Weser" und den angrenzenden Landschaftsschutzgebieten. Mit dem dort eingerichteten Beweidungsprojekt setzt Bremen einen weiteren wichtigen Baustein für mehr Biodiversität und wirksamen Insektenschutz um – sichtbar, erlebbar und direkt vor der Haustür vieler Bürgerinnen und Bürger.
Nach intensiven Vorbereitungen sind dort nun die ersten Rinder eingezogen. Dafür wurde in den vergangenen Monaten die notwendige Infrastruktur geschaffen: Ein wolfsabweisender Elektrozaun sorgt für den Schutz der Tiere, die Stromversorgung erfolgt über Solarenergie, und für jede Teilfläche wurden eigene Brunnen zur Wasserversorgung gebohrt – zuletzt im April. Mit diesen Maßnahmen ist die Grundlage für die Beweidung gelegt.
Auf den Flächen weiden robuste Angus-Rinder, die schrittweise auf insgesamt rund 30 Tiere anwachsen sollen. Vorgesehen ist eine extensive Beweidung mit geringer Besatzdichte – etwa ein Tier pro Hektar. Ziel ist eine möglichst lange Beweidungszeit über das Jahr hinweg, orientiert an der Witterung, in der Regel vom Frühjahr bis in den Herbst. Die Tiere übernehmen dabei eine zentrale Rolle quasi als natürliche Landschaftspflegerinnen.
Das Prinzip dahinter: Naturnahe, extensive Beweidung – auch als "Wilde Weiden" bezeichnet – orientiert sich an natürlichen Prozessen. Große Pflanzenfresser prägen dabei in geringer Dichte die Landschaft und schaffen durch Verbiss, Tritt und Dung ein abwechslungsreiches Mosaik aus kurzgefressenen Weiderasen, höheren Pflanzenbeständen, offenen Bodenstellen und kleinen Gehölzstrukturen. Genau diese Vielfalt ist entscheidend für viele Tier- und Pflanzenarten. Besonders Insekten profitieren von den unterschiedlichen Lebensräumen und Nahrungsangeboten.
Gleichzeitig bleibt die landwirtschaftliche Nutzung erhalten und wird neu gedacht: Die extensive Weidehaltung ermöglicht regionale Wertschöpfung und die Erzeugung hochwertiger Lebensmittel. Im Weserbogen wird damit unmittelbar erlebbar, wie sich Naturschutz und Landwirtschaft sinnvoll verbinden lassen – in einem Gebiet, das zugleich stark von Menschen zur Erholung genutzt wird.
Henrike Müller, Senatorin für Umwelt, Klima und Wissenschaft: "Weidehaltung mitten in der Stadt – wie am Weserbogen – macht das hervorragende Zusammenspiel von Landwirtschaft und Naturschutz beim Sonntagsspaziergang sichtbar. Bremerinnen und Bremer erleben hier direkt vor der Tür und nebenbei wie sich biologische Vielfalt und regionale Landwirtschaft gegenseitig stärken."
Während diese Form der Beweidung in Bremen bislang nur kleinflächig umgesetzt wurde, wird sie im Rahmen der Bremischen Biodiversitätsstrategie und des Insektenschutzprogramms gezielt ausgebaut. Neben bestehenden Flächen in Bremen-Nord, im Werderland und im Niedervieland entsteht nun im Weserbogen eine neue "Mikroweidelandschaft".
Zur Umsetzung des Projekts wurden ein wolfsabweisender Zaun errichtet sowie Tränken installiert (Koordination der Baumaßnahmen durch die Haneg GmbH im Auftrag des Umweltressorts, Bauausführung durch die Firma Highland Stall und Weide, Sottrum). Die Bewirtschaftung übernimmt der landwirtschaftliche Betrieb Hemmlisch aus dem Niederblockland, der auf Direktvermarktung spezialisiert ist. "Wir sind froh zukünftig an einem so besonderen Standort unsere Rinder weiden zu können. Als Blocklander sind wir die Nähe zur Stadt gewohnt und uns der Vor- und Nachteile bewusst. Obwohl klar war, dass die Beweidung am Werdersee eine hohe öffentliche Wirksamkeit mit sich bringt, hat uns das Ausmaß ein wenig überrascht. Besonders schön ist dabei das hohe Interesse der Ansässigen, Passanten, Erholungssuchenden und natürlich auch der Wissenschaft. Wir freuen uns auf eine gute Zusammenarbeit!”, so der zuständige Landwirt Jan Geerken.
Das Projekt wird wissenschaftlich begleitet: Die Universität Bremen untersucht die ökologischen Veränderungen, unterstützt das Management der Flächen und evaluiert die Auswirkungen der Beweidung. Die Koordination liegt bei Professor Marko Rohlfs: "Große Weidetiere sind echte Motoren der Artenvielfalt in unseren Landschaften. Dass ihre enorme ökologische Bedeutung nun auch in der Naturschutzpraxis stärker berücksichtigt wird, ist ein wichtiger und ermutigender Schritt – und im Weideprojekt 'Weserbogen' geschieht das erstmals in besonders systematischer Weise. Für uns als Forschende der Universität Bremen eröffnet sich hier eine außergewöhnliche Chance, die Wirkung der Beweidung durch Rinder wissenschaftlich zu begleiten und spannende neue Erkenntnisse für den Naturschutz zu gewinnen. Dabei nehmen wir Pflanzen und Tiere gleichermaßen in den Blick, mit einem besonderen Fokus auf die Entwicklung der Insektenvielfalt."
Das Vorhaben ist Teil des Bremischen Insektenschutzprogramms, insbesondere des Handlungsfeldes "Insektenfreundliche Strukturen in der freien Landschaft". Ziel ist unter anderem die Etablierung großflächiger Weidesysteme im Sinne "Wilder Weiden" sowie die Stärkung einer extensiven Weidetierhaltung als Grundlage für artenreiches Grünland.
Dieses Projekt wird mit Mitteln des Bundes und des Landes Bremen aus der Gemeinschaftsaufgabe zur Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes gefördert.
Das Konzept der "Wilden Weiden" basiert auf der Erkenntnis, dass halboffene, extensiv genutzte Weidelandschaften zu den artenreichsten Lebensräumen Mitteleuropas zählen. Durch die ganzjährige Präsenz von Weidetieren entsteht ein dynamisches Nebeneinander unterschiedlich stark genutzter Flächen, Gehölzgruppen und Übergangszonen. Auch der Dung der Tiere spielt eine zentrale Rolle als Lebensraum für zahlreiche Insektenarten. Die Weiterentwicklung dieses Ansatzes erfolgt durch begleitendes Monitoring, um insbesondere die Effekte auf die Insektenvielfalt besser zu verstehen.
Ansprechpartnerin für die Medien:
Ina Schulze, Pressesprecherin bei der Senatorin für Umwelt, Klima und Wissenschaft, Tel.: (0421) 361-96 269, E-Mail: ina.schulze@umwelt.bremen.de