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Der Senator für Kultur

Bremer Autorenstipendium 2022 geht an Jörg Isermeyer und Donka Dimova

17.11.2022

Zur Förderung des literarischen Nachwuchses sowie professionell arbeitender Autoren und Autorinnen vergibt der Senator für Kultur auch im Jahr 2022 zwei Stipendien an Schriftstellerinnen beziehungsweise Schriftsteller, die ihren Wohnsitz in Bremen, Bremerhaven oder dem angrenzenden Umland haben. Wie bereits in den beiden vergangenen Jahren werden zwei unterschiedliche Stipendien ausgeschrieben, deren Dotierung 2020 im Zuge der Bewerbung Bremens um den UNESCO-Titel "City of Literature" jeweils verdoppelt worden ist.

Zum einen wird ein Projektstipendium zu 5.000 Euro vergeben, das sich an bereits professionell arbeitende Autoren und Autorinnen richtet, die an einem aktuellen Buchprojekt arbeiten. Zum anderen ein Nachwuchsstipendium zu 4.000 Euro (plus Mentoring-Programm), das sich an Autoren und Autorinnen im Alter von unter 40 Jahren richtet.

Darüber hinaus sind beide Stipendien mit der Option eines Arbeitsaufenthalts von ein bis sechs Monaten in einem Appartement der Bremer Landesvertretung in Berlin verknüpft. Damit bietet die Landesvertretung beiden Stipendiatinnen die Möglichkeit, in der Hauptstadt für einen selbstbestimmten Zeitraum intensiv an ihren Projekten weiterzuarbeiten.

Nach der öffentlichen Ausschreibung der Stipendien haben sich seit Anfang Juli insgesamt 47 Autoren und Autorinnen um die beiden Stipendien beworben. Die fünfköpfige Jury hat sich über die Vielfalt der Einsendungen gefreut und schließlich folgende Entscheidungen getroffen:

Das Projektstipendium zu 5.000 Euro geht an Jörg Isermeyer.
Das Nachwuchsstipendium zu 4.000 Euro geht an Donka Dimova.

Die Begründung der Jury

  1. Projektstipendium für Jörg Isermeyers Kinderbuchprojekt "Faust & Pfote"
    In Isermeyers Kinderbuch-Projekt "Faust & Pfote" wird ein Stadttheater zum Schauplatz von Streichen, Wutanfällen und Machtkämpfen, aber auch von Solidarität und Engagement. Mit viel Drive, Charme und Witz erzählt der erfahrene Kinder- und Jugendbuchautor, Regisseur, Musiker und Theaterpädagoge Jörg Isermeyer von egomanischen Intendanten, herzlichen Maskenbildnern, theaterliebenden Ratten und obdachlosen Katzen. Dabei gelingt es ihm zum einen, jungen Leserinnen und Lesern einen sehr plastischen Einblick in den Theaterbetrieb zu geben, und zum anderen, mit großer Leichtigkeit und ungemein humorvoll den Kulturbetrieb kritisch zu beleuchten.

    Ganz beiläufig und ohne erhobenen Zeigefinger verhandelt Isermeyer auf gewitzte Weise die Machtstrukturen und das Gefälle im Theaterbetrieb, aber auch Fragen von Widerstand und Gemeinsinn. Dabei bringt er Menschen und Tiere als gleichberechtigte Akteure auf gekonnte Weise zusammen, spielt und bricht mit Klischees und weiß auch sprachlich und im Ton vollauf zu überzeugen.

    Mit einer ordentlichen Portion Ironie und einer zarten Prise Slapstick entwickelt sich dabei eine fein komponierte und rundum stimmige Geschichte, die nicht nur Kinder, sondern genauso die Erwachsenen packen dürfte. Daher stand für die Jury außer Frage, dass "Faust & Pfote" in diesem Jahr unter allen eingereichten Bewerbungen am meisten zu überzeugen wusste. Einstimmig entschied sich die Jury für dieses anspruchsvolle und lehrreiche, aber nicht pädagogisch, sondern locker leicht daherkommende Kinderbuchprojekt. Damit zeichnet sie auch das Projekt eines umtriebigen Schriftstellers aus, der bereits für einige andere Kinder- und Jugendbücher prämiert worden ist. In diesem Sinne hofft und freut sich die Jury auf das fertige Buch und gratuliert Jörg Isermeyer ganz herzlich.

  2. Nachwuchsstipendium für Donka Dimovas Prosagedicht "Mehrfamilienhaus ohne Aussicht"
    Aktuell leben etwa 9.000 Bulgarinnen und Bulgaren in Bremen. Sie sind in die Hansestadt gezogen, um Geld zu verdienen, um ihren Kindern eine gute Zukunft zu sichern oder einfach nur, weil sie das Leben im Ausland ausprobieren wollen – oder sich verliebt haben. Doch in der Öffentlichkeit ist ihre Lebensrealität kaum sichtbar. Wenig wird über das, was im Inneren der bulgarischen Community passiert, gesprochen oder geschrieben. Dem möchte Donka Dimova mit ihrem Projekt "Mehrfamilienhaus ohne Aussicht" entgegenwirken.

    In Anklang an Aras Ören, der in seinen Poemen die in Kreuzberg lebenden Arbeitsmigrantinnen und –migranten aus der Türkei beleuchtet, wirft Dimova den Blick auf die bulgarische Diasporagruppe in Gröpelingen, dabei wendet sie sich vor allem den Arbeitsmigrantinnen und –migranten zu, die der türkisch-bulgarischen Minderheit angehören. Deren unterschiedliche Lebenswege, Wünsche, Ängste und die ernüchternde Realität des Ankommens beleuchtet sie anhand einzelner Figuren, die alle unter einem Dach in einem Mehrfamilienhaus leben, und wählt dafür die Form des Prosagedichts.

    In einer prägnanten und kraftvollen, poetischen Sprache verleiht Dimova ihren Figuren eine Stimme, ohne ins Allgemeine oder Klischeehafte abzurutschen. Mit wenigen Zeilen entfaltet sie plastisch und eindringlich ganze Lebensgeschichten und -entwürfe, ihre Abwege, Abzweigungen und Abweichungen. So entsteht ein facettenreicher Kosmos, der sich aus einzelnen Biografien zusammensetzt, die Dimova poetisch "protokolliert" – sehr persönlich und zugleich politisch.

    Das Thema, die Charakterzeichnungen und der Sound der zehnseitigen Textprobe haben die Jury derart gepackt und neugierig gemacht auf den gesamten Text, dass sie sich entschieden hat, dieses Projekt auszuzeichnen. Auch in der Überzeugung, dass "Mehrfamilienhaus ohne Aussicht" über die zehn Seiten hinaus zu beeindrucken vermag. In diesem Sinne gratuliert die Jury der Preisträgerin von Herzen.

Zu den Autorinnen

Jörg Isermeyer, geboren 1968 in Bad Segeberg, reiste als Straßenmusiker quer durch Europa. Nach seinem Studium zog er die freie Künstlerlaufbahn einer Universitäts-Karriere vor und lebt heute als Schauspieler, Regisseur, Theaterpädagoge, Musiker und Schriftsteller in Bremen. Sein Stück “Ohne Moos nix los“, das im GRIPS-Theater uraufgeführt wurde, erhielt den Berliner Kindertheaterpreis und wurde für den Mühlheimer KinderStückePreis nominiert. Seine Romane “Alles andere als normal“, “Die Brüllbande“ und “Ene, mene, Eierkuchen“ wurden unter anderem mit dem Leipziger Lesekompass ausgezeichnet. Das Buch “Lyrik-Comics“, zu dem Jörg Isermeyer Gedicht-Vertonungen beigesteuert hat, war für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2020 nominiert.

Weitere Informationen unter: www.literaturmagazin-bremen.de/autorinnen/i/joerg-isermeyer

Donka Dimova ist 1986 in Burgas, Bulgarien geboren. Die Poesie begeistert und beschäftigt sie seit ihrem frühen Schulalter. Sie veröffentlicht in Sammelbändern, Zeitschriften und Anthologien. Sie studierte Politikwissenschaft und Europäische Studien in Bremen und Hannover und arbeitet seitdem mit Menschen in schwierigen Lebenslagen. Im Jahr 2014 kam ihr erster Poesieband "Übersetzung des Alltags" in Bulgarien heraus. Seit 2016 leitet und begleitet sie künstlerisch-pädagogische Projekte für Kinder und Jugendliche nach dem eigenen Konzept "Spiele mit Sprache". Sie übersetzt Poesie auf Deutsch und Bulgarisch.

Weitere Informationen unter: www.literaturmagazin-bremen.de/autorinnen/d/donka-dimova

Der Termin der Lesung der zwei Stipendiatinnen, bei der sie ihre Projekte vorstellen und Auszüge lesen, steht noch nicht fest, wird aber voraussichtlich Anfang Februar sein. Das genaue Datum wird in Kürze bekanntgegeben.

Zur Jury 2022 gehören Dr. Alexandra Tacke (Leiterin des Referats 12 & Referentin für Literatur beim Senator für Kultur), Annette Freudling (Freie Autorin/Journalistin & Vorstand Bremer Literaturkontor), Sven Odens (Geschäftsführer Buchhandlung Buntentor), Annika Depping (Redakteurin Literaturmagazin Bremen & Mitarbeiterin virt. Literaturhaus) und Leyla Bektaş (Freie Autorin & Stipendiatin 2020).

Allgemeine Informationen zum Autorinnenstipendium:
www.literaturkontor-bremen.de/autorinnenstipendium

Kontakt für Fragen zum Autorenstipendium:
Jens Laloire; Bremer Literaturkontor; Tel:: (0421) 327943, E-Mail: jens.laloire@literaturkontor-bremen.de

Ansprechpartner für die Medien:
Werner Wick, Pressesprecher beim Senator für Kultur, Tel.: (0421) 361-16173, E-Mail: werner.wick@kultur.bremen.de