Sie sind hier:
  • Behördenlotsen entlasten Familien – Eltern helfen Eltern

Die Senatorin für Arbeit, Soziales, Jugend und Integration

Behördenlotsen entlasten Familien – Eltern helfen Eltern

20.07.2012

Im Stadtteil Walle sind jetzt erstmals in Bremen Eltern zu sogenannten Behördenlotsen ausgebildet worden. „Sie sollen anderen Eltern helfen, sich im Dschungel der Behörden zurechtzufinden, lange bevor Probleme in der Familie sich krisenhaft zuspitzen“, erläuterte Anja Stahmann, Senatorin für Soziales, Kinder, Jugend und Frauen. Sie hatte sich am Donnerstag (19.07.2012) im Kindergarten Purzelbaum am Waller Park über das Projekt informiert. Behördenlotsen können zum Beispiel helfen, Anträge auf Sozialleistungen auszufüllen. Sie helfen, Kürzungen zu vermeiden, oder die Zahlung von Miet- und Energiekosten-Rückständen zu organisieren. So helfen sie, die wirtschaftliche Grundlage von Familien zu sichern. „Das ist eine wichtige Unterstützung, die Krisen lange im Vorfeld vorbeugen und entschärfen kann“, sagte die Senatorin.

Behördenlotsen sind Eltern, die selbst schon mal die Hilfe des Jugendamtes in Anspruch genommen haben. Sie werden von Kindergärten, Grundschulen oder vom Jugendamt angesprochen und können sich dann in sechs Modulen zum Lotsen oder zur Lotsin fortbilden lassen. „Behördenlotsen wissen aus eigener Erfahrung, welche Schwierigkeiten das Leben mit Kindern manchmal bereithält. Als Unterstützer haben sie daher eine hohe Glaubwürdigkeit“, sagte Senatorin Anja Stahmann. Sie sprächen dieselbe Sprache wie die Hilfesuchenden – und das darf in einem multikulturellen Stadtteil wie Walle durchaus auch wörtlich verstanden werden. Für Familien, die den rechtzeitigen Kontakt mit einer Behörde scheuen, oder die dort scheitern, seien sie ideale Ansprechpartner.

Hintergrund für den Einsatz der Behördenlotsen ist die Erkenntnis, dass Behörden auf Familien mit Problemen bislang oft erst aufmerksam werden, wenn im Umfeld der Familien die Sorge aufkommt, das Wohl der Kinder könnte gefährdet sein – oder wenn die Familien selbst um Unterstützung bitten. Dann ist zunächst das Jugendamt gefragt. „Sozialpädagogische Familienhelferinnen und –helfer, die wir dann einsetzen, sind häufig damit beschäftigt, zunächst einmal die wirtschaftliche Situation der Familien zu stabilisieren“, sagte Anja Blumenberg vom Fachdienst Junge Menschen im Stadtteil Walle. „Das kann aber nicht die originäre Aufgabe der Jugendhilfe sein.“ Die Rolle der Behördenlotsen liege vor allem darin, Familien über die vielfältigen Unterstützungsangebote im Stadtteil hinzuweisen – sei es die Arbeitslosen- oder Schuldenberatung, ein Mütterzentrum oder auch die Drogenhilfe. „Es geht aber auch darum, dass Eltern sich gegenseitig helfen, sich im Stadtteil vernetzen. Dabei unterstützen wir sie“, sagte Anja Blumenberg und ergänzte: „Eltern mit kleineren Problemen sollen wissen: Im Kindergarten gibt es jemanden, der ihnen helfen oder Hilfe organisieren kann.“

Inzwischen sind die ersten vier Behördenlotsen von der Waller Sozialberatungsstelle AGAB e.V. (Aktionsgemeinschaft arbeitsloser Bürgerinnen und Bürger) ausgebildet. Eine von ihnen ist Nicole Podsendek. Sie bietet Sprechstunden im Kindergarten Purzelbaum sowie eine Telefonsprechstunde in einer Findorffer Grundschule. Außerdem ist sie über die Tafel in Gröpelingen ansprechbar. „Viele melden sich anonym, über E-Mail und Telefon“, sagt sie. „Man merkt, wie groß die Scham ist. Viele müssen Scheu und Angst überwinden.“ Das gehe leichter, wenn klar wird: Auch Nicole Podsendek, Mutter von zwei Kindern, bezieht Arbeitslosengeld II, seit 2005. Und sie hat selbst auch erst lernen müssen, ihre Ansprüche gegenüber den Behörden geltend zu machen. Für sie war es am Ende ein Zeichen von Anerkennung und Wertschätzung, als sie schließlich gefragt wurde, ob sie sich nicht zur Behördenlotsin qualifizieren lassen will.

Der bislang einzige männliche Behördenlotse unterstützt in erster Linie Waller Familien, die, wie er selbst, ihre Wurzeln in Afrika haben. „Wir freuen uns, dass wir mit den Behördenlotsen auch Mittler zwischen den Kulturen gewinnen“, sagte Anja Blumenberg. Die Anforderungen der Behörden, unverzichtbare Regularien und notwendige Formalitäten ließen sich so leichter vermitteln.

„Für die Behörden, also in der Regel für die JobCenter, sind Behördenlotsen eine wichtige Arbeitserleichterung“, sagt Marin Lühr von der AGAB. „Die Antragsteller haben dann von Anfang an alle Unterlagen zusammen, und sie kennen die ,Spielregeln’.“ Das Projekt entwickelt sich derzeit so erfolgversprechend, dass die AGAB in einer zweiten Welle weitere Behördenlotsen ausbilden will, die Kurse laufen von November bis Januar.

Behördenlotsen sind Teil des umfassenderen Modellprojekts „Erziehungshilfe, Soziale Prävention und Quartiersentwicklung“ (ESPQ). Das erste von zwei Jahren der Modellphase dieses Projektes ist inzwischen abgeschlossen, in dieser Woche hat der Senat die Laufzeit bis Ende des Jahres 2014 verlängert. ESPQ soll mit zusätzlichen Stellen für das Jugendamt in Walle dazu beitragen, dass Einrichtungen und Jugendamt intensiver zusammenarbeiten und besonders Familien die Hilfeeinrichtungen in ihrem Stadtteil im Sinne einer sozialen Prävention frühzeitiger nutzen. „In Walle leben 2500 Familien mit Kindern unter 18 Jahren“, sagt Referatsleiterin Anja Blumenberg. „Allein in den vergangenen anderthalb Jahren hatten wir Kontakt zu 660 von ihnen.“ Eine erste Auswertung hat gezeigt, dass mehr Eltern erreicht werden und gleichzeitig die Zahl der kostenintensiven Einzelfallhilfen sinkt; die frühzeitige Unterstützung hat damit auch messbare Effekte.