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Senatskanzlei

Die letzte Hülle fällt: Bürgermeister Dr. Scherf übergibt die Hanse-Kogge der Öffentlichkeit

15.05.2000

Endlich ist es soweit: Bürgermeister Dr. Henning Scherf, Vorsitzender des Verwaltungsrates der Stiftung Deutsches Schiffahrtsmuseum, wird am kommenden Mittwoch, 17. Mai, die fertig konservierte Bremer Hanse-Kogge im Deutschen Schiffahrtsmuseum in Bremerhaven der Öffentlichkeit übergeben. Am Ende eines Festaktes, der um 10.30 Uhr beginnt, wird er den wissenschaftlich bedeutendsten mittelalterlichen Schiffsfund überhaupt aus seiner silberfarbenen Verhüllung befreien. Mit dem Druck auf einen roten Knopf hatte Scherf am 8. März das Abpumpen des größten archäologischen Tränkbades in Gang gesetzt und damit die letzte Phase der Konservierung der Hanse-Kogge von 1380 eingeleitet.

Erst 1982, 20 Jahre nach der Entdeckung des kostbaren Wracks bei Baggerarbeiten in der Weser bei Bremen hatte der Nassholzexperte Dr. Per Hoffmann, Konservator am Deutschen Schiffahrtsmuseum (DSM) in Bremerhaven, mit dem Konservierungsverfahren loslegen können. Dessen Dauer war zunächst auf 30 Jahre festgelegt worden. Drei Jahre später befürwortete ein internationales Expertenkolloquium eine neue Methode, mit der die Konservierung auf sechs bis sieben Jahre hätte verkürzt werden können. Geldmangel verzögerte jedoch die Umstellung auf zwei Bäder mit dem Mittel PEG (Polyethylenglykol) in zwei unterschiedlichen Modifikationen. Erst im letzten Jahr konnte die immerhin 23 Meter lange Kogge aus ihrem Aquarium befreit werden. Nun steht sie frei und von den Resten des zähflüssigen Mittels PEG 3000 gereinigt in ihrer eigens für sie gebauten Halle.

Die Wissenschaft misst der Beendigung der Kogge-Konservierung ganz große Bedeutung bei: Nach Bremerhaven reisen aus mehreren Ländern und zwei Erdteilen die Konservatoren berühmter Schiffe

Die Forscher treffen sich zu einem zweitägigen öffentlichen Seminar zur Konservierung archäologischer Boots- und Schiffsfunde, das im Anschluss an die Enthüllung der Kogge beginnt. Alle Interessenten können daran teilnehmen.

Die Bedeutung der Kogge im Mittelalter

Die Hanse war eine sehr effektive Organisationsform von Handel und Wirtschaft; sie bestand mehr als 500 Jahre von 1160 bis 1668. Während der ersten 250 Jahre war die Kogge das größte und wichtigste Seeschiff der hansischen Seehäfen an Nord- und Ostsee. Ab 1400 wurde sie langsam vom größeren Schiffstyp Holk abgelöst und war nach 1450 nur noch ein zweitrangiges Schiff, das schließlich aus dem Verkehr gezogen wurde.

Ihre erste Wirtschaftsblüte und das Entstehen einer bürgerlichen Kultur (neben der des Adels und der Kirche) verdanken die hansischen Seehafenstädte den lukrativen Seehandelstransporten mit Koggen. Dank ihrer verhältnismäßig hohen Bordwände konnte die Kogge für ihre Zeit große Frachtmengen transportieren und war zugleich ziemlich seetüchtig. Sie konnte aber auch im Konfliktfall viele Armbrustschützen und andere bewaffnete Krieger aufnehmen, so dass die hansischen Seehäfen mit ihr auch ihren Handel schützen und die Respektierung ihrer Handelsprivilegien erzwingen konnten.

Zwischen 1160 und 1400 sind die Koggen laufend vergrößert und technisch verbessert worden: Noch vor 1200 wurde das schwerfällige Seitenruder durch jenes Heckruder abgelöst, mit dem bis heute die Schiffe gelenkt werden. Noch vor 1300 erhielten die Koggen vorn und achtern je eine kastellartige Kampfplattform, die den Armbrustschützen den günstigen erhöhten Standpunkt bot. Bis 1330 entstanden unter der achteren Kampfplattform die ersten geschlossenen Wohnräume in der Seefahrt auf Nord- und Ostsee, ein Komfort, der freilich nur den Achtergästen (Schiffern, Steuerleuten und mitreisenden Kaufmännern) vorbehalten blieb. Die Mannschaften mussten weiter auf dem offenen Deck in Schlafsäcken aus Seehundsfell „wohnen“.

Die Bedeutung des Bremer Koggefundes

Der Bremer Schiffsfund, der im Oktober 1962 entdeckt wurde, war so weitgehend (ca. zu 80 %) erhalten, dass Dr. Siegfried Fliedner (Fockemuseum, Bremen) ihn sofort als Kogge erkannt hat. Diesen ersten Eindruck konnte er wenig später in einer eindrucksvollen Untersuchung wissenschaftlich unanfechtbar absichern. Damit war die Bremer Hansekogge das erste mittelalterliche Wrack, dessen Typ identifiziert werden konnte. D. h. der Bremer Schiffsfund ging von Anfang an als Bremer Kogge in die Literatur ein, im Gegensatz selbst zu den bedeutendsten skandinavischen Schiffsfunden, die nach ihren Fundorten „Nydamschiff“ (= Kriegsschiff der Völkerwanderungszeit) oder „Gokstadschiff“ (= Kriegsschiff der Wikinger) heißen (ihre genaue Typenbezeichnung kennen wir bis heute nicht).

Am Deutschen Schiffahrtsmuseum wurden dann die archäologisch relevanten Kennzeichen der Koggebauweise herausgearbeitet, so dass heute selbst kleine Fragmente mit voller methodischer Sicherheit als solche von Koggen erkannt werden können. Dabei stellte sich heraus, dass schon Jahrzehnte vor der Bremer Kogge in Skandinavien und Holland drei Koggen ausgegraben, aber nicht als solche erkannt worden waren.

Der Bremer Schiffsfund ist der einzigartige Schlüssel für die gesamte Schiffbautradition der Kogge, die in Norddeutschland mit kleinen Booten bis ins 20. Jh. hineinreicht und derzeit bis in die vorrömische Eisenzeit (ca. 200 vor Chr.) zurückverfolgt werden kann.

Die Bremer Hansekogge stellt in dieser bis jetzt 2.200 Jahre langen Schiffbautradition den am weitesten entwickelten Großsegler dar, der 1379/80 gebaut worden und nicht weiterentwickelbar war, so dass er seit 1400 vom Holk überholt wurde. Nach dem 15. Jh. haben nur noch „Kleinausgaben“ dieser Schiffbautradition überlebt, von denen 4 (aus dem 20. Jh.) in der Bootssammlung des DSM vertreten sind.

Weiter ist die Bremer Hansekogge auch der einzige mittelalterliche Schiffsfund, dessen Werftort (nämlich Bremen) genau bekannt ist. Die Kogge war, als sie unterging, noch nicht ganz fertiggestellt. Sie gibt uns mit den an Bord gefundenen Werkzeugen, den Arbeitsspuren an den verbauten Hölzern, den auf ihre Schmiedetechnik hin untersuchten Eisenteilen und den Herkunftsbestimmungen der Hölzer, Hanftaue, Mooskalfaterung und Teerproben hoch willkommene Aufschlüsse über den Stand des Bremer Schiffbauhandwerks um 1380.

Schließlich kann kein anderes Museum der Welt dem Publikum eine auch nur annähernd so vollständig erhaltene Kogge im Original zeigen wie das Deutsche Schiffahrtsmuseum. Nicht umsonst gehört diese Kogge inzwischen zum festen Bestand der Schulbücher zur Geschichte des Mittelalters. Im gesamten Elbe-Weser-Dreieck hat eben nur die Bremer Hansekogge zwei Sterne im „Baedecker“.