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Senatskanzlei

„Erinnern an Auschwitz ist wesentlich für die demokratische Kultur der Bundesrepublik“

Feierstunde im Rathaus zur Woche der Brüderlichkeit

13.03.2013

Die diesjährige Woche der Brüderlichkeit steht unter dem Motto: „Sachor (Gedenke) – der Zukunft ein Gedächtnis.“ Während der gestrigen Feierstunde in der Oberen Rathaushalle hat Bürgermeister Jens Böhrnsen die Bedeutung des Erinnerns für die Gesellschaft aufgegriffen und sich in einer eindringlichen Rede für öffentliche Rituale des Erinnerns an die Opfer des Nationalsozialismus ausgesprochen. „Die Gesellschaft der Bundesrepublik hat sich ihre demokratische und freiheitliche Substanz erst dadurch erworben, in dem sie dem Erinnern an den Zivilisationsbruch öffentlichen Raum gegeben hat“, betonte Böhrnsen. „Wenn wir die öffentlichen Rituale des Erinnerns einstellen, dann verschütten wir die Quelle, aus der sich unsere Kultur speist“.

Böhrnsen wies in seiner Ansprache auf die von Soziologen und Philosophen vorgetragene Sorge hin, dass die Kultur der Erinnerung von einer Kultur des Vergessens abgelöst werde. Das aber dürfe auf keinen Fall geschehen. Böhrnsen: „ Was gestern war, kann das Erinnern nicht ändern. Aber Erinnern an gestern kann helfen, heute zu verstehen und morgen vorauszusehen und verstehend zu handeln“. In seiner Kindheit und Jugend sei die Formel „Nie wieder!“ so etwas wie geistiges tägliches Brot gewesen. Sie habe ihn sein ganzes politisches Leben lang begleitet und bewege ihn noch heute. Böhrnsen: „Für meine Generation hatte die Forderung, die Menschen sollen ihr Denken und Handeln so einrichten, dass Auschwitz sich nicht wiederhole, unbedingte Gültigkeit.“ Der Bürgermeister zeigte sich überzeugt davon, dass das öffentliche Erinnern an Auschwitz wesentlich sei für die demokratische Kultur der Bundesrepublik, dass zwischen unserer Demokratie und dem öffentlichen Erinnern an die deutsche Schuld ein enger Zusammenhang bestehe.

Böhrnsen:“ Der Völkermord an den Juden und an den Sinti und Roma ist ein noch nie dagewesenes Menschheitsverbrechen. Dieses Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist und bleibt eine Wunde im Körper der Menschheit. Aber auch der Mord an Polen und Russen, an Homosexuellen, an Kriegsgefangenen, an Behinderten, an Antifaschisten, an Humanisten und Christen, die sich der Mordmaschinerie in den Weg stellten, ist eingebrannt in das politische Denken und Handeln Europas.“ Deshalb bilde das Erinnern und die Übernahme der Verantwortung für unsere Geschichte den Wesenskern dessen, was unser demokratisches Gemeinwesen auszeichnet: die Würde und Integrität eines jeden Menschen zu achten und zu schützen.

Böhrnsen kam auch auf die Mordanschläge und die Opfer der Neonazis zu sprechen: „Die Nazis haben nicht nur eine Vorgeschichte, sondern auch eine Nachgeschichte“. Der Rechtsradikalismus ist und bleibe eine Gefahr. Er nähre sich von fremdenfeindlichen Einstellungen aus der Mitte der Gesellschaft und von Gleichgültigkeit. „Die Rechtsradikalen leugnen die deutschen Verbrechen, sie beleidigen und verfolgen Fremde, sie schänden jüdische Friedhöfe und Mahnmale, sie schüren Angst und Hass und bereiten den Boden für neue Verbrechen. Wir sehen die Gefahr. Und wir werden unsere Demokratie schützen.“

Wilhelm Tacke, der Vorsitzende der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, hatte die Feierstunde eröffnet. Musikalisch umrahmt wurde der Abend vom Chor der jüdischen Gemeinde.