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Die Senatorin für Bildung und Wissenschaft

Ausstellung „Ein KZ wird geräumt“ - in der Unteren Rathaushalle

07.04.2003

Die Landeszentrale für politische Bildung Bremen teilt mit:

Am 27. April 2003, dem Jahrestag der Befreiung Bremens durch die Britischen Truppen im Jahre 1945, wird in der Unteren Rathaushalle die Wanderausstellung „Ein KZ wird geräumt. Häftlinge zwischen Vernichtung und Befreiung. Die Auflösung des KZ Neuengamme und seiner Außenlager durch die SS im Frühjahr 1945“ eröffnet, präsentiert in Bremen von der Landeszentrale für politische Bildung, dem Landesinstitut für Schule und dem Bremer Verein "Erinnern für die Zukunft e.V.". Die Ausstellung wird vom 28. April bis zum 30. Mai 2003 täglich von 10 bis 18 Uhr zu sehen sein.

Ergänzt wird diese Ausstellung durch einen von Bremer Geschichtsgruppen erarbeiteten Regionalteil, der auf rund 40 Ausstellungstafeln die zahlreichen KZ-Außenlager in Bremen und Umgebung zeigt. Bremen stellte nach Hamburg einen Schwerpunkt des Außenlagersystems des KZ Neuengamme dar. Das erste Bremer Außenlager entstand 1943 in Farge, wo die Häftlinge zum Bau des U-Boot-Bunkers „Valentin“ eingesetzt wurden. Auf dem Gelände der heutigen Stahlwerke befand sich das Lager Riespott, weitere Lager gab es in der Hindenburg-Kaserne in Huckelriede und in Stuhr-Obernheide. Insgesamt existierten zehn Orte in Bremen und näherer Umgebung, an denen KZ-Außenlager untergebracht waren, in denen Männer und Frauen aus fast allen Ländern des besetzten Europas, vor allem aus Frankreich, Ungarn, Polen und Russland untergebracht waren und Zwangsarbeit leisten mussten. Auch in den Bremer Lagern mussten schwerste Arbeiten bei völlig unzureichender Ernährung ausgeführt werden. Insbesondere in den Lagern Farge, Blumenthal und Deschimag-Schützenhof in Gröpelingen gab es eine hohe Sterberate unter den Häftlingen. Verantwortlich hierfür war neben der Unterernährung vor allem die beständige Misshandlung der Häftlinge durch die SS.

Die Ausstellung dokumentiert die Ereignisse des Frühjahres 1945, als sich die alliierten Truppen immer weiter den deutschen Konzentrationslagern nähern. Die SS gibt den Befehl zur Räumung der Lager, um Zeugen der hier erfolgten Gräueltaten nicht in die Hände der Alliierten fallen zu lassen und um die Häftlinge als potenzielle Arbeitskräfte oder als Pfand in möglichen Friedensverhandlungen in ihrer Gewalt zu belassen. Auch das KZ Neuengamme bei Hamburg und seine über 60 Außenlager im norddeutschen Raum werden geräumt.

Die Häftlinge der Außenlager werden zu Fuß oder per Zug in die Auffanglager Bergen-Belsen, Wöbbelin und Sandbostel bei Bremervörde gebracht. Bei diesen als „Todesmärsche“ bezeichneten Aktionen sterben kurz vor ihrer Befreiung Tausende Häftlinge an Erschöpfung, Zurückbleibende werden von den SS-Leuten ermordet.

Neben den „Todesmärschen“ beschäftigt sich die Ausstellung mit zwei besonderen Ereignissen aus den letzten Tagen des KZ Neuengamme: einerseits gelingt durch die Initiative des Vizepräsidenten des Schwedischen Roten Kreuzes, Graf Folke Bernadotte, eine glückliche Rettung der skandinavischen Häftlinge. Sie werden in den „Weißen Bussen“ des Roten Kreuzes über Dänemark nach Schweden in die Freiheit gebracht.

Im Gegensatz zur geglückten Rettung der skandinavischen Häftlinge steht das tragische Schicksal der über 10.000 in Neuengamme zurückgebliebenen Menschen. Sie werden nach Lübeck gebracht und dort auf Schiffe verladen. Auf den drei „schwimmenden Konzentrationslagern“, der „Thielbek“, der „Cap Arcona“ und der „Athen“ herrschen aufgrund der Überfüllung und des Mangels an Nahrung und Trinkwasser unbeschreibliche Verhältnisse. Am 3. Mai 1945 werden die in der Lübecker Bucht vor Anker liegenden Schiffe von britischen Jagdbombern angegriffen, die die Schiffe versehentlich für Truppentransporter halten. Während die "Athen" von drei kleinen Bomben getroffen den Angriff mit 1.998 Häftlingen an Bord relativ unbeschadet übersteht, wird der Angriff für die ca. 4.600 auf der "Cap Arcona" und die ca. 2.800 auf der "Thielbek" eingepferchten Menschen zur Katastrophe. Nur 450 von ihnen können sich retten, während 7.000 Gefangene nur wenige Stunden, bevor die Alliierten Neu-stadt erreichen, an Bord verbrennen, in der Ostsee ertrinken oder beim Rettungsversuch, der nur dem deutschen Wachpersonal gilt, erschossen werden. Den Gefangenen, die es verzweifelt bis an die Rettungsboote schaffen, wird auf die Hände geschlagen, bis sie zurück ins Wasser fallen, oder sie werden systematisch erschossen. Selbst Häftlinge, die sich bis an den Strand von Neustadt retten können, werden noch von der SS und von Angehörigen der Hitlerjugend „gejagt“ und erschossen.

Anhand von Fotografien, erläuternden Texten und ausführlichen Berichten von Zeitzeugen und ehemaligen Inhaftierten wird in der Ausstellung das Spannungsfeld von Vernichtung und Befreiung thematisiert, in dem sich die inhaftierten Menschen in den letzten Kriegstagen befanden. Die Ahnung der bevorstehenden Befreiung führte bei den Häftlingen einerseits zu aufkeimender Hoffnung, andererseits gehörten die unendlichen Qualen und Strapazen der „Todesmärsche und –transporte“ zu den grausamsten Erinnerungen vieler Überlebender der Konzentrationslager. Themenordner und Videointerviews bieten den Besucherinnen und Besuchern die Möglichkeit einer vertieften Auseinandersetzung mit den Erinnerungen der ehemaligen Häftlinge.

Die regionale Ergänzung der Ausstellung erinnert daran, dass die Orte, an denen in der NS-Zeit Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen wurden, sich auch vor unserer Haustür befunden haben.

Ein umfangreiches Rahmenprogramm wird die Ausstellung begleiten. Zur Eröffnung wird als Schirmherr der Ausstellung der Präsident der Bremischen Bürgerschaft, Christian Weber, eine Ansprache halten. Ebenfalls zur Eröffnung wird eine Rede des Leiters der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, Dr. Detlef Garbe, zu hören sein.

Dr. Hans Wrobel wird einen Vortrag zum Thema „Die Justiz in Bremen nach 1945: Vom Umgang mit Erinnerungen“ halten. Pastorin Jutta Bartling wird über die bei der Räumung des KZ Neuengamme erfolgte grausame Tötung von 20 jüdischen Kindern sprechen, die zuvor für pseudomedizinische Experimente missbraucht worden waren. Karl Schneider wird zum Thema „Bremer Polizei in der NS-Zeit“ einen Vortrag halten. Der Verein „Walerjan Wrobel“ bietet die Gelegenheit zur Besichtigung von Wandbildern französischer Kriegsgefangener. Michael Grill wird einen Vortrag über die Rettung der skandinavischen KZ-Häftlinge durch das Rote Kreuz halten. Abgeschlossen wird die Begleitprogramm von Dr.Helga Bories-Sawala, die über französi-sche Zwangsarbeiter in Bremen sprechen wird.

Komplettiert wird das Programm schließlich durch die filmischen Dokumentationen „Der Bunker“ und „Reisen ins Leben. Weiterleben nach einer Kindheit in Auschwitz“ von Thomas Mitscherlich und Barbara Johr. Zur Aufführung von „Der Bunker“ werden Dr. Barbara Johr und André Migdal aus Frankreich, ein ehemaliger Zwangsarbeiter aus dem Bunker „Valentin“, persönlich anwesend sein. Auch der Film „Das Massaker von Gardelegen“ von Diana Gring und Claus-Ivar Bolbrinker wird im Rahmen des Begleitprogramms zu sehen sein. Der Film dokumentiert eines der wohl grausamsten NS-Verbrechen aus der Endphase des Krieges. Regisseurin Diana Gring wird bei der Vorführung des Filmes anwesend sein und für eine Diskussion zur Verfügung stehen.

Die genauen Termine der Veranstaltungen sind dem Programm der Ausstellung zu entnehmen, das an vielen Orten in Bremen ausliegen wird. Weitere Informationen sind über die Landeszentrale für politische Bildung unter der Telefonnummer 361-2098 abrufbar.

Für Unterstützung danken die Veranstalter dem Staatsarchiv Bremen, der Senatskanzlei, der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, der Bremischen Bürgerschaft, dem Bremer Presse-Club, dem Bremer Theater, dem Verein Walerjan Wrobel, der Universität Bremen, sowie den Arbeitsgruppen zu den Außenlagern des KZ Neuengamme in Bremen und Umgebung:

o Projektkurs „Spurensuche“ der KGS Stuhr-Brinkum

o Geschichtswerkstatt Achim

o AG ehemalige Borgwardwerke/Hindenburgkaserne

o Geschichtswerkstatt Gröpelingen/ VVN-BdA/ Kultur vor Ort e.V.

o Arbeitskreis Zwangsarbeit auf der ehemaligen Norddeutschen Hütte

o Internationale Friedensschule Bremen im Bürgerhaus Vegesack

o Dokumentations- und Gedenkstätte Geschichtslehrpfad Lagerstraße/U- Boot-Bunker Valentin e.V.

o AK MUNA Lübberstedt

o Dokumentations- und Gedenkstätte Sandbostel e.V.