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Die Senatorin für Wissenschaft und Häfen | Senatskanzlei

Buchvorstellung im Rathaus – Bremen, Polen, Solidarność

"Solidarität mit Schwierigkeiten. Das Bremer Koordinationsbüro der polnischen Gewerkschaft Solidarność und das Engagement Bremens für Polen in den 1980er Jahren"

10.07.2020

Bremen und Polen verbindet seit vielen Jahren eine ganz besondere Beziehung: Die im Jahr 1976 begründete Städtepartnerschaft zwischen Gdansk und Bremen war die erste zwischen einer polnischen und einer westdeutschen Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg. Gegenseitige Besuche waren und sind das belebende Element dieser bis zum heutigen Tag aktiv gelebten Partnerschaft. Die Ausrufung des Kriegsrechts in Polen im Dezember 1981 war ein Härtetest für diese damals noch junge Beziehung: So geriet eine Delegation von Werftarbeitern aus Danzig ins Räderwerk der Geschichte und zwischen die Systeme in Ost und West. Sie strandeten in Bremen und bildeten hier zwangsläufig das erste Auslandsbüro der Gewerkschaft Solidarność - womit sie das politische Gefüge der Hansestadt gehörig durcheinander wirbelten. Gleichzeitig entzündeten sich an ihren Aktivitäten ideologische Gefechte linker Gruppen in Zeiten der Gründungsgeschichte der Universität Bremen.

Buchvorstellung im Rathaus: Bürgermeister Andreas Bovenschulte und Autor Rüdiger Ritter
Buchvorstellung im Rathaus: Bürgermeister Dr. Andreas Bovenschulte und Buchautor Dr. Rüdiger Ritter

Das neue Buch des Bremerhavener Wissenschaftlers Dr. Rüdiger Ritter „Solidarität mit Schwierigkeiten - Das Bremer Koordinationsbüro der polnischen Gewerkschaft Solidarność und das Engagement Bremens für Polen in den 1980er Jahren“ aus dem Verlag „Edition Falkenberg“ beleuchtet ausführlich dieses ganz besondere Kapitel deutsch-polnischer Geschichte. Am 10. Juli 2020 wurde das Werk im Bremer Rathaus von Bürgermeister Dr. Andreas Bovenschulte und dem Autoren vorgestellt. Bovenschulte erinnerte an die engagierte Arbeit von Bürgermeister a.D. Hans Koschnick für die Städtepartnerschaft Bremen-Gdansk und unterstrich die zentrale Bedeutung der Gewerkschaft Solidarność beim Fall des Kommunismus in Polen, für Bürgerrechte und ein geeintes Deutschland in Europa.

Forschungsstelle Osteuropa
Der Großteil, der für das Buch ausgewerteten Dokumente, stammt aus dem umfangreichen Archiv der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, die seit 1982 Quellen zur Geschichte der Solidarność sammelt und weltweit eine der bedeutendsten Sammlungen zur Opposition in Polen ihr Eigen nennt. Finanziell unterstützt wurde die Arbeit durch die Senatorin für Wissenschaft und Häfen. „Das Werk ist ein wichtiger Betrag zur Beleuchtung Bremens eigener jüngster Geschichte und bietet einen detailreichen Einblick in die politischen Machtverhältnisse des Kalten Krieges“, so Dr. Claudia Schilling, Senatorin für Wissenschaft und Häfen.

Hintergrund
13. Dezember 1981. Eine Delegation der polnischen Gewerkschaft Solidarność aus Danzig trifft in Bremen auf Einladung der Arbeiterkammer zu einem Arbeitsbesuch ein. Dort erfahren sie, dass wenige Stunden nach ihrer Ausreise aus Polen dort das Kriegsrecht verhängt und die Solidarność zerschlagen wurde. Sie beschließen daraufhin, in Bremen zu bleiben, und gründen ein »Informations- und Koordinationsbüro« für die Hilfe für Solidarność, das jedoch nur kaum zwei Jahre besteht. Den Mitgliedern wurde von deutscher wie von polnischer Seite Unfähigkeit vorgeworfen, es kamen sogar Gerüchte auf, bei ihnen handele es sich um raffiniert getarnte Agenten des polnischen Geheimdiensts – freilich ohne dass jemand dafür Beweise vorlegen konnte.

Der Wissenschaftler Rüdiger Ritter zeichnet in diesem Buch erstmals das Wirken des Bremer Büros detailliert nach. Mit der Unterstützung des Bremer Senats und der Bremischen Bürgerschaft, aber auch vieler Organisationen und Privatpersonen entfalteten die Büromitglieder anfangs beträchtliche Aktivität, bis sie in die Mühlen der deutsch-polnischen Missverständnisse gerieten: Gläubige katholische Freiheitskämpfer einerseits und gestandene deutsche Partei- und Gewerkschaftsfunktionäre andererseits – auch wenn sie in Bremen nicht zueinander fanden, so stand das Bremer Büro doch am Beginn eines neuen deutsch-polnischen Annäherungsprozesses, der sich an diesem Beispiel wie unter einer Lupe betrachten lässt. Das Wirken des Büros ist daher sowohl ein zu Unrecht vernachlässigter Teil der Geschichte Bremens als auch der deutsch-polnischen Beziehungen.

Ansprechpartner für die Medien: Peter Lohmann, Senatspressestelle, Tel. (0421) 361-2193 peter.lohmann@sk.bremen.de
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