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Die Senatorin für Soziales, Jugend, Frauen, Integration und Sport

"Bremer Preis gegen Gewalt in Pflege und Betreuung" erstmals verliehen

29.01.2013
Ute Stollreiter und Nico Oppel (Dienste für Menschen mit Behinderung Friedehorst gGmbH) haben den Preis von Sozialsenatorin Anja Stahmann entgegengenommen, JPG, 61.0 KB
Ute Stollreiter und Nico Oppel (Dienste für Menschen mit Behinderung Friedehorst gGmbH) haben den Preis von Sozialsenatorin Anja Stahmann entgegengenommen

Erstmals ist jetzt der „Bremer Preis gegen Gewalt in Pflege und Betreuung“ im Kaminsaal des Rathauses verliehen worden. Preisträgerin sind die „Dienste für Menschen mit Behinderung Friedehorst, Diakonische Stiftung“. Im Jahr 2011 haben sie fachliche Standards zum Umgang mit sexuellem Missbrauch eingeführt, die Maßnahmen zur Vorbeugung gegen sexuelle Gewalt enthalten und ein jederzeit zugängliches Regelwerk für den Verdachtsfall sowie bei eingetretenem sexuellem Missbrauch.

Den Wettbewerb hat das „Bremer Forum gegen Gewalt in Pflege und Betreuung“ ausgeschrieben, um Ideen aus der Praxis zu sammeln, sie vorbildhaft zu präsentieren und so zur Nachahmung zu empfehlen. „Man muss Gewalt in Pflege und Betreuung in erster Linie im Vorfeld entgegenwirken“, sagte Anja Stahmann, Senatorin für Soziales, Kinder, Jugend und Frauen gestern anlässlich der Preisverleihung, „nicht vornehmlich durch strafrechtliche, ordnungsrechtliche und arbeitsrechtliche Maßnahmen nach einem Vorfall.“ Dazu müsse das Thema im öffentlichen Bewusstsein wach gehalten werden. „Öffentlichkeit, eine ständige Debatte, der Austausch zwischen Fachkräften, Pflegebedürftigen Menschen und Angehörigen können zu einem Klima beitragen, Gewalt entgegenzuwirken, sie früh aufzudecken und angemessen zu reagieren, wenn sie in Erscheinung tritt.“

Demütigungen, Bloßstellungen, unzureichende, falsche oder vorenthaltene medizinische Versorgung, Beleidigungen, Einschüchterungen, der Essenszwang und Eingriffe in die Privatsphäre, der Missbrauch von Macht, tätliche Übergriffe, Vernachlässigung oder verbale Kränkungen – das alles sind Beispiele für Formen von Gewalt in der Pflege. Der stellvertretende Geschäftsführer des Diakonischen Werks Bremen, Dr. Jürgen Stein, hob hervor, wie wichtig es für jede einzelne Einrichtung sei, sich vor Augen zu führen: „Auch bei uns ist Gewalt nicht ausgeschlossen.“ Von großer Bedeutung sei es daher, „dass wir Wege finden müssen, die Spirale der Gewalt zu durchbrechen, und ihre Verstetigung zu verhindern“.

Beim Preisträger haben die Juroren nicht nur die Bereitschaft dazu ausgemacht, sondern darüber hinaus ein Konzept: „Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind sich bewusst, dass in Einrichtungen der Behindertenhilfe die Gefahr des Missbrauchs von Macht, sexuelle Übergriffe und das Ausnutzen der Pflegesituation durch die strukturellen Abhängigkeiten in besonderem Maße gegeben ist“, heißt es in dem Antrag von Friedehorst. In diesem Bewusstsein hat die Stiftung nach einjähriger Vorarbeit mit Beschäftigten, Gruppenleitungen und dem Bewohnerbeirat erstmals Standards zum Umgang mit sexuellem Missbrauch eingeführt. Sie wurden entwickelt unter der Federführung des Fachbereichs Pädagogik der Universität Bremen. Begleitend hat Pro Familia, die Beratungsstelle zu Sexualität, Partnerschaft und Familienplanung, einen Gesprächskreis mit Bewohner/innen zur sexuellen Aufklärung geleitet. Die Arbeit mit den Standards soll alle zwei Jahre ausgewertet werden, erstmals im Jahr 2013.

„Wir haben Konzepte dann als gut bewertet, wenn erkennbar war, dass sie auf Nachhaltigkeit ausgelegt sind, also ihre Effekte nicht wieder verpuffen“, erläuterte Martina Roes die Entscheidung der Jury. Roes ist Professorin für Pflegewissenschaften an der Hochschule Bremen und Sprecherin im Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen in der Helmholtz-Gemeinschaft an der Universität Witten/Herdecke. Zudem, so Martina Roes weiter, sollten die Konzepte dem Problem angemessen sein, also Bewohner und Beschäftigte in geeigneter Weise erreichen. „Diesen beiden Anforderungen wird der Beitrag von Friedehorst am prägnantesten gerecht“, erläuterte Professorin Roes und ergänzte in ihrer Laudatio: „Dieser Wettbewerb leistet einen Beitrag dazu, das Thema Gewalt in der Pflege zu enttabuisieren. Gewalt drückt sich nicht nur in Schlägen aus. Deshalb ist die aktive und öffentliche Auseinandersetzung mit dem Thema so wichtig. Sie trägt dazu bei, das Thema zu versachlichen und auf eine breitere Basis zu stellen. Prävention heißt in diesem Falle auch Aufklärung.“

Stellvertretend für die „Dienste für Menschen mit Behinderung Friedehorst“ haben Nico Oppel und Ute Stollreiter (Foto) den mit 300 Euro dotierten Preis entgegengenommen. Von dem Geld sollen weitere Kurse von Pro Familia zur Sexualaufklärung der Bewohner finanziert werden, sagte Ute Stollreiter.

Ausgeschrieben hat den Preis „Bremer Forum gegen Gewalt in Pflege und Betreuung“. Dort sind unter anderem vertreten: AOK Bremen/Bremerhaven; Diakonisches Werk Bremen; DIKS, Demenz Informations- und Koordinationsstelle; Ehrenamtliche in der Heimmitwirkung; Hilfswerk Bremen; Hospiz Horn; Lebenshilfe Bremen; Medizinische Dienste der Krankenversicherung Niedersachsen und im Lande Bremen; Ökumenische Initiative Bremen; SelbstBestimmt Leben; Unabhängige Patientenberatung Bremen; Verein für Innere Mission; Zentrale Heimaufsicht der Senatorin für Soziales, Kinder, Jugend und Frauen sowie zahlreiche Einzelpersonen.

Die Jury bestand aus sechs Mitgliedern: Martina Roes; Gabriele Holdorf von der Fachstelle Alter im Forum Kirche; Joachim Schwolow von der Landesseniorenvertretung Bremen; Adele Ihnen vom Forum gegen Gewalt in Pflege und Betreuung bei der unabhängigen Patientenberatung Bremen; Margaretha Kurmann von der Bremischen Zentralstelle für die Verwirklichung der Gleichberechtigung der Frau sowie Bremens Behindertenbeauftragter Joachim Steinbrück. Unter einem knappen Dutzend anonymisierter Anträge haben die Vertreter der Jury einstimmig für den Antrag der Stiftung Friedehorst votiert.

Foto: Pressereferat, Senatorin für Soziales