Sie sind hier:
  • Pressemitteilungen
  • Archiv
  • BREMER ERKLÄRUNG: Wechsel sind gesund - kongress wechseljahre multidisziplinär wertet Lebensphase auf

Sonstige

BREMER ERKLÄRUNG: Wechsel sind gesund - kongress wechseljahre multidisziplinär wertet Lebensphase auf


24.02.2003

Die Bremische Zentralstelle für die Verwirklichung der Gleichberechtigung der Frau (ZGF) teilt mit:

Über 200 Frauen und Männer aus zahlreichen Gesundheitsberufen - WissenschaftlerInnen und PraktikerInnen: ÄrztInnen, PsychologInnen und VertreterInnen der Naturheilkunde ebenso wie ErnährungsberaterInnen, AtemtherapeutInnen und YogalehrerInnen - kamen am vergangenen Wochenende in Bremen erstmals zu einem multidisziplinär besetzten Kongress zusammen, der das Thema Wechseljahre aus unterschiedlichen professionellen Blickwinkeln beleuchtete.


Im Zentrum des Kongresses stand der soziale und medizinische Zusammenhang, in dem die Wechseljahre und die Einstellung zur Menopause im alltäglichen Leben gesehen werden. Dabei standen die Kritik einer Medikalisierung der Wechseljahre und die Förderung der informierten und eigenverantwortlichen Entscheidung von Frauen – auch für oder gegen die Einnahme von Hormonen, die Wahl alternativer Behandlungsformen oder diese Zeit im eigenen Rhythmus zu leben - im Mittelpunkt.


In einer BREMER ERKLÄRUNG „wechseljahre multidisziplinär“ fassten die TeilnehmerInnen u.a. zusammen:

  • Wir kritisieren, dass unsere Gesellschaft das Altern von Frauen sowie ihre Kompetenzen und Lebenserfahrungen wenig wertschätzt. Wechseljahre sind eine natürliche Phase im Leben von Frauen und keine Krankheit. Wir fordern, dass die Medikalisierung der Wechseljahre beendet wird

  • Die Wechseljahre sind nicht auf hormonelle Veränderungen zu reduzieren. Diese einseitige Sichtweise führt zu unangemessenen Behandlungskonzepten und zu Über-, Unter- und Fehlversorgung.

  • Wir fordern, dass Frauen in den Wechseljahren unabhängige und verlässliche Informationen zur Verfügung haben, die sie in ihrer Entscheidungsfindung für einen individuell angemessenen Umgang mit dieser Lebensphase unterstützen.

  • Wir fordern, dass der jeweilige Stand des Wissens zu den Risiken und Nutzen einer Hormonersatztherapie systematisch zusammengetragen, bewertet und in die ärztliche Praxis umgesetzt wird – zum Beispiel auch durch die interdisziplinäre Entwicklung von Leitlinien.

  • Wir fordern eine von wirtschaftlichen Interessen unabhängige Gesundheitsforschung, den Ausbau multiprofessioneller Zusammenarbeit und die Stärkung der Selbstkompetenz bei künftigen Konzepten der Gesundheitsförderung.



Die sich daraus ergebenden Schlussfolgerungen für die Praxis wurden auf dem Abschlusspodium am Sonntag, 23.02.03 mit VertreterInnen der Bundesärztekammer, des Bundesverbandes der Frauengesundheitszentren, des AOK Bundesverbandes und der Bremer Landesbeauftragten für Frauen erörtert.


Dr. Ursula Auerswald, stellvertretende Präsidentin der Bundesärztekammer führte aus: „Die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse müssen in Form von Weiterbildungsveranstaltungen an die Basis der medizinischen Versorgung gebracht werden; die Ärztekammer Bremen wird hier Veranstaltungen mit ExpertInnen unterschiedlicher Professionen organisieren, in der der aktuelle Wissensstand über Behandlungsformen vermittelt wird.“


Angelika Zollmann vom Bundesverband der Frauengesundheitszentren ergänzte: „Die Frauengesundheitszentren haben von Anfang an das Ziel gehabt, die Selbstkompetenzen von Frauen zu stärken. Wir fühlen uns durch den Abbruch der WHI-Studie darin bestätigt, dass wir schon so lange kritisch auf die Hormontherapie blicken. Wir müssen aber aufpassen, durch „alternative“ Behandlungsangebote nicht ebenfalls in die „Medikalisierungsfalle“ zu tappen“.


Prof. Dr. Norbert Schmacke, Leiter des Stabsbereichs Medizin des AOK Bundesverbandes, wies auf die Bedeutung anbieterunabhängiger Informationen hin: „Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte hat schnell auf die neuen wissenschaftlichen Ergebnisse reagiert und in kurzer Zeit eine Warnung heraus gegeben, die Hormonpräparate nicht zur Prävention einzusetzen. Diese Einschätzung muss in die Praxis umgesetzt werden, auch gegen die Interessen derjenigen, die mit der Medikalisierung gesunder Frauen Geld verdienen.“


Ulrike Hauffe, Bremer Landesbeauftragte für Frauen, formulierte Kriterien für eine frauengerechte Gesundheitspolitik: „Eine adäquate Gesundheitspolitik für Frauen muss sich messen lassen an der Einbeziehung der Lebenswelt von Frauen, an der Stärkung der Selbstkompetenz von Frauen, an ihrer Sozialverträglichkeit und an ihrer Effizienz im Einsatz der Mittel. Eine Medizin, die zum sozialen Mentor im Leben von Frauen hochstilisiert wurde, entspricht nicht diesen Ansprüchen.“ Die abschließende Einschätzung von Ulrike Hauffe fand große Zustimmung: „Die Interdisziplinarität, mit der auf diesem Kongress die Jahre des Wechsels von Frauen diskutiert wurden, ist die Arbeits-, Verständigungs- und Entscheidungsform der Zukunft im Gesundheitswesen. Sie öffnet den Blick für die Bedürfnisse von Frauen und zeigt die Grenzen der jeweiligen professionellen Erkenntnisse und des Handelns.“


Der Kongress wurde veranstaltet vom Bremer Forum Frauengesundheit, den Bremer Institut für Präventionsforschung und Sozialmedizin (BIPS) und dem Zentrum für Public Health an der Universität Bremen.




Die Bremer Erklärung im Wortlaut:


Bremer Erklärung „wechseljahre multidisziplinär“

23. Februar 2003



Die über 200 Teilnehmer und Teilnehmerinnen des Kongresses „wechseljahre multidisziplinär“ haben am 23.2.2003 folgende Erklärung verabschiedet:


„Wechseljahre sind eine natürliche Phase im Leben von Frauen und keine Krankheit. In den Wechseljahren greifen körperliche, psychische und soziale Prozesse ineinander. Veränderungen, die Frauen während dieser Zeit erleben, können sehr verschiedenartig sein und unterschiedliche Ursachen haben. Sie bilden die Vielfalt der Lebenswirklichkeit von Frauen ab und sind im Kontext ihrer Lebenssituation zu sehen. Die Wechseljahre sind nicht auf hormonelle Veränderungen zu reduzieren. Die einseitige Sichtweise und Bewertung führt zu unangemessenen Behandlungskonzepten und zu Über-, Unter- und Fehlversorgung. Die mit zweifelhaftem Nutzen und mit Risiken einher gehende Therapie mit Sexualhormonen ist dafür nur ein deutliches Beispiel.


Es stellt sich die Frage, ob Frauen überhaupt eine professionelle Begleitung in dieser Lebensphase benötigen, und wenn ja, wie ein frauen- und situationsgerechtes Angebot aussehen kann.


Wir fordern,

  • dass alle Frauen unabhängige und verlässliche Informationen zur Verfügung haben, die sie in ihrer Entscheidungsfindung für einen individuell angemessenen Umgang mit dieser Lebensphase unterstützen. Hierzu gehören die zielgruppenspezifische Entwicklung von Informationsmaterialien, z.B. durch die BzgA und die Krankenkassen, sowie die Förderung der Selbsthilfe und der Aufbau geschlechts- und kultursensibler Beratungs- und Behandlungsangebote.

  • dass der jeweilige Stand des Wissens zu den Risiken und dem Nutzen systematisch zusammen getragen, bewertet und in die ärztliche Praxis umgesetzt wird, z.B. durch die interdisziplinäre Entwicklung von Leitlinien.

  • eine auch von wirtschaftlichen Partikularinteressen unabhängige multidisziplinäre und geschlechtssensible Gesundheitsforschung, die auch die Ressourcen und Stärken von Frauen in den Blick nimmt.

  • dass im System der medizinischen Versorgung notwendige Veränderungen für eine wissenschaftlich nachgewiesene und frauengerechte Versorgung in den Wechseljahren herbeigeführt werden. Dazu braucht es eine Sensibilisierung der Akteure und Akteurinnen sowohl für die Bedürfnisse von Frauen wie auch für die Möglichkeiten und Grenzen des eigenen professionellen Handelns.

  • die Einbindung geschlechts-, sozialschichts- und kultursensibler Erkenntnisse in die Aus-, Fort- und Weiterbildung aller beteiligten Professionen sowie den Ausbau multiprofessioneller Zusammenarbeit.

  • dass die Medikalisierung der Wechseljahre beendet wird. Die Aufwertung und Stärkung der Selbstkompetenzen von Frauen muss ins Zentrum zukünftiger Konzepte der Gesundheitsförderung gerückt werden.

  • dass Aktivitäten entwickelt werden, die in unserer Gesellschaft das Altern von Frauen sowie ihre Kompetenzen und Lebenserfahrungen wertschätzt.


Die Bremer Erklärung "wechseljahre multidisziplinär soll zur Entwicklung neuer Konzepte und Strukturen im Umgang mit den Wechseljahren beitragen. Alle Beteiligten dieses Kongresses sind aufgefordert, im Sinne dieser Erklärung in ihren jeweiligen Arbeitsfeldern verantwortlich zu handeln und die Diskussion fortzuführen.“




Hinweis für Redaktionen:

Bei Nachfragen können Sie sich direkt wenden an Frau Ilse Scheinhardt in der ZGF: Telefon (0421) 361-3183 – Mailadresse:

ilse.scheinhardt@frauen.bremen.de