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Die Senatorin für Soziales, Jugend, Integration und Sport

Ehemalige Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen aus der Ukraine zu Gast in Bremen

29.09.1999

Hilfsfonds ermöglicht Besuch – Senatorin Adolf: Jede gespendete
Mark wird verdoppelt

"Am 20. Mai 1942 wurde ich festgenommen", erinnert sich Nikolaj Wischnewetzkij-Petrowisch. "Man verfrachtete mich zum Güterbahnhof nach Kremencuk, wo Jungen und Mädchen unter voller Bewachung gesammelt wurden. Am nächsten Tag wurden wir auf Güterwaggons geladen und man teilte uns mit, dass wir nach Deutschland fahren", erzählt der 1924 geborene Mann aus der Ukraine. Nach der Deportation war er zunächst Arbeiter im Schiffbau in Bremen-Blumenthal und lebte im Ostarbeiter-Lager Bahrsplate. Später war er Schweißer bei der AG Weser und nach einem Gefängnisarrest mußte er als Strafe beim Bunkerbau in Bremen-Farge helfen.


Acht Frauen und zehn Männer aus der Ukraine, die wie er im Zweiten Weltkrieg von den Nationalsozialisten zur Arbeit in Bremen gezwungen wurden, kehren jetzt an die Stätte der damaligen Qualen zurück. Auf Einladung von Arbeits- und Sozialsenatorin Hilde Adolf besuchen sie vom 10. bis 17. Oktober die Hansestadt.


Sinaida Lobanowa, die als 13-jährige gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer Tante als Küchenhilfe schuften musste, bedankte sich herzlich für „die Aufmerksamkeit, die Sie mir schenken“, nachdem sie die Einladung erhalten hatte. Sie schrieb: „Natürlich sind es für mich schwere Erinnerungen, die sehr mit meiner Familie verbunden sind. Deswegen nehme ich die Einladung an, Bremen zu besuchen. Bremen ist für mich die Stadt meiner Leiden.“


"Ich bewundere die ehemaligen Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen für ihren Mut, die schmerzliche Reise in die Vergangenheit zu unternehmen", sagte Senatorin Adolf heute (28. 9.) bei der Vorstellung des Besuchsprogramms. Unter anderem seien Fahrten zum Bunker Valentin in Farge und zur ehemaligen Lagerstätte Bahrsplate vorgesehen. Aber auch Betriebsbesichtigungen, Stadtrundfahrten und Begegnungen mit Bremer Bürgern und Bürgerinnen stehen auf dem Programm, das in enger Zusammenarbeit mit dem „Verein Walerjan Wrobel - Verein Zwangsarbeit“ entstanden ist. Die Senatorin wird die Gäste am Montag den 11. Oktober um 17.30 Uhr im Rathaus empfangen.


Möglich wird der Besuch nach Angaben von Hilde Adolf durch den von der Landesregierung initiierten Hilfsfonds für ehemalige Zwangsarbeiter/innen aus Ost- und Südosteuropa. Gespeist wird er aus Einzahlungen von Firmen und Zuschüssen der öffentlichen Hand. Die Senatorin: "Jede bereit gestellte Mark wird von uns verdoppelt." So haben bisher fünf Unternehmen zusammen 25 000 Mark überwiesen. Es sind die Bremer Stahlwerke, das Bremer Werk von DaimlerChrysler, die Straßenbahn AG, die "swb" AG – ehemals Bremer Stadtwerke – und Beck & Co. Mit den auf 50 000 Mark aufgestockten Mitteln wurde die Einladung der Gäste aus der Ukraine möglich, und es bleibt noch ein Grundstock für weitere Aktivitäten.


Wir werden uns darum bemühen, dass sich weitere Firmen am Fonds beteiligen, so die Senatorin. "Das frühere Leid der Menschen, die in Bremen Sklavenarbeit verrichten mußten, kann damit nicht ungeschehen gemacht werden. Aber es ist ein Zeichen des Bedauerns über das, was ihnen unter nationalsozialistischer Herrschaft in deutschem Namen angetan wurde", sagte sie.


Der Fonds soll genutzt werden, um weitere Gruppen ehemaliger Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen nach Bremen einzuladen. Außerdem sind in kleinerem Umfang individuelle Hilfen vorgesehen, beispielsweise wenn es darum geht, ein dringend benötigtes Medikament oder ähnliches zu besorgen.


Die mit dem Fonds verbundenen Aufgaben wurden an den Verein "Walerjan Wrobel" übertragen, der bereits über viele Kontakte zu ehemaligen Zwangsarbeitern und Zwangsarbeiterinnen verfügt. Vorsitzender ist Dr. Hartmut Müller, Leiter des Staatsarchivs. Der Verein erinnert mit seinem Namen an einen 16-jährigen polnischen Jungen, der 1941 als Landarbeiter nach Bremen kam. Weil er Heimweh hatte, zündete er die Scheune seines Arbeitgebers an und hoffte, dann nach Hause geschickt zu werden. Statt dessen aber wurde er am 25. August 1942 zum Tode verurteilt und hingerichtet.


Aus früheren Unterlagen geht hervor, dass im September 1944 in zahlreichen großen und kleinen Lagern in Bremen 38 567 ausländische Arbeiter und Arbeiterinnen lebten, davon 14 486 Ostarbeiter/innen. Nicht berücksichtigt sind bei diesen Zahlen, die in der Landwirtschaft, beim Handwerk, in kleinen Betrieben und in Privathaushalten eingesetzten Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen. Nach vorsichtigen Schätzungen waren während des Zweiten Weltkriegs rund 75 000 Menschen zur Zwangsarbeit in Bremen gezwungen.