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Senatskanzlei

Festakt 40 Jahre Städtepartnerschaft zwischen Bremen und Danzig

Sieling: "Ein erfolgreicher Beitrag zur Überwindung des Ost-West-Konflikts"

05.08.2016
Bürgerschaftspräsident Christian Weber, Präsident des Senats und Bürgermeister Dr. Carsten Sieling, Danzigs Stadtpräsident Pawel Adamowicz und Ratsvorsitzender Bodgan Oleszek (v.l.), jpg, 49.7 KB
Bürgerschaftspräsident Christian Weber, Präsident des Senats und Bürgermeister Dr. Carsten Sieling, Danzigs Stadtpräsident Pawel Adamowicz, Ratsvorsitzender Bodgan Oleszek (v.l.)

Mit einem Festakt in der Oberen Halle des Bremer Rathauses wurde heute (5. August 2016) das 40-jährige Bestehen der Städtepartnerschaft zwischen Bremen und Danzig gefeiert. Bürgermeister Carsten Sieling: „Unsere Städtepartnerschaft war eine historische Wegbereiterin für die späteren deutsch-polnischen Verträge, sie war ein erfolgreicher Beitrag zur Überwindung des Ost-West-Konflikts. Unser – kürzlich verstorbener – Bürgermeister Hans Koschnick war einer der Architekten dieser Verbindung.“ Sieling würdigte die 1976 besiegelte Partnerschaft und dankte all denen, die das Projekt begründet haben und es bis zum heutigen Tag mit Leben füllen. Als Dank überreichte er dem Danziger Stadtpräsidenten Pawel Adamowicz eine Skulptur der Bremer Stadtmusikanten.

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Die Bremer Stadtmusikanten für Danzigs Stadtpräsidenten Pawel Adamowicz

Pawel Adamowicz bedankte sich bei den Bremerinnen und Bremern für ihre Offenheit und ganz besonders für deren Hilfe und Solidarität: „Die Ausrufung des Kriegsrechts in Polen war ein Härtetest für unsere Beziehungen. In Bremen entstand das erste Auslandsbüro der Solidarnosc-Gewerkschaft. In dieser Zeit schickten zahlreiche Deutsche ihre Hilfspakete nach Polen. Das hat in Polen zu einem völlig veränderten und positiven Deutschlandbild geführt.“ Als Zeichen des Danks und der Freundschaft überreichte Danzigs Stadtpräsident eine Skulptur der Danziger Werftkräne, die für „Aufbruch und Kraft“ stehen. Adamowicz: „Danke für das große Herz der Bremerinnen und Bremer für Danzig. Danke auch für das große Herz, welches Bremen gerade in der aktuellen Flüchtlingskrise zeigt.“
Weitere Redner der Festveranstaltung waren Danzigs Ratsvorsitzender Bodgan Oleszek und der Präsident der Bremischen Bürgerschaft, Christian Weber.

In den kommenden Tagen wird die Partnerschaft in zahlreichen Veranstaltungen gewürdigt: So zum Beispiel vom 5. bis 7. August 2016 beim Internationalen Festival Maritim in Bremen-Vegesack. Vom 12. bis zum 15. August 2016 werden dann in Danzig die Bremen-Tage im Rahmen des Dominikaner Marktes stattfinden.

Rede des Präsidenten des Senats der Freien Hansestadt Bremen, Bürgermeister Dr. Carsten Sieling
Festakt 40 Jahre Städtepartnerschaft zwischen Bremen und Danzig
5. August 2016
Obere Rathaushalle Bremen

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrter Herr Stadtpräsident, lieber Herr Adamowicz, sehr geehrter Herr Ratsvorsitzender Oleszek, sehr geehrte Frau Generalkonsulin Pieper, lieber Präsident der Bremischen Bürgerschaft, Christian Weber, verehrte Abgeordnete der Bremischen Bürgerschaft, liebe, verehrte, Christine Koschnick, liebe Freunde unserer Städtepartnerschaft.

Ich freue mich, Sie alle in unserem Rathaus begrüßen zu dürfen, vor allem aber freue ich mich wegen des Anlasses: den 40. Jahrestag einer ganz besonderen Städtepartnerschaft, unserer Freundschaft zwischen Gdañsk und Bremen!
Sie hat ungewöhnlich begonnen und sie ist bis heute unter allen Partnerschaften der Stadt Bremen eine ungewöhnliche: sehr eng, sehr politisch und auch immer sehr bewegend! Sie begann vor 40 Jahren und war die erste Partnerschaft zwischen einer westdeutschen und einer polnischen Stadt!
In einer Zeit, in der die Kälte zwischen Ost und West regierte, taten große Politiker in beiden Städten etwas, was europapolitisch, vielleicht sogar weltpolitisch, in die richtige Richtung wies.

Jahrhundertelang hatte es ein gespanntes, häufig leider auch gar feindseliges Nachbarschaftsverhältnis zwischen Deutschen und Polen gegeben, das im grauenhaften Naziterror der Deutschen gegenüber den Polen seine schlimmste Ausprägung erfahren hatte.
Von Bremer Seite her wurde die Überlegung eine Partnerschaft zwischen Gdañsk und Bremen zu gründen 1972 entwickelt, als der Bremer Bürgermeister Hans Koschnick Bundesratspräsident war und in dieser Funktion Polen besuchte. Beeinflusst von der Ostpolitik Willy Brandts war ihm klar, dass nur durch sehr konkrete Zusammenarbeit ein friedliches Europa gebaut werden könnte.

„Leid und Unrecht der Vergangenheit können nur dann überwunden werden, wenn daraus die Kraft zu einem Neubeginn erwächst“, sagte Hans Koschnick damals.
Mit der „Schlussakte der Helsinki -Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa“ wurde 1975 dieses Anliegen auf europäischer Ebene bestätigt und beflügelte die weitblickenden Politiker in beiden Städten.

Damit aber der Präsident der Stadt Gdañsk, Andrzej Kraznowski und eben Hans Koschnick für Bremen dann wirklich am 12. April 1976 die Rahmenvereinbarung unterzeichnen konnten, galt es viele Hürden zu überwinden. Maßgeblichen Anteil an der Vertragsgestaltung hatte ein sehr kluger und zukunftsorientierter Politiker, dem in dieser Hinsicht unser ganzer Dank gebührt: Tadeusz Fiszbach. Er war damals als Parteisekretär der Kommunistischen Partei für die Woiwodschaft zuständig.
Er sagte in seiner Grußbotschaft zum 20jährigen Bestehen der Städtepartnerschaft über die damalige Zeit: „Als Vertreter der damaligen Bezirksregierung in Gdañsk hielten wir unnachgiebig daran fest, die Zusammenarbeit mit Bremen zu Stande zu bringen. Immer wieder machten wir der Zentralregierung in Warschau unseren festen Willen deutlich, erklärten wir unsere Haltung – und die positiven Signale aus Bremen halfen uns. Der Wille war gemeinsam. Der Mut? Darüber mögen die Historiker urteilen….“

Aus dieser ersten Zeit möchte ich insbesondere auch an den ehemaligen Präsidenten der Bremischen Bürgerschaft, Dr. Dieter Klink, erinnern, der das Projekt unterstützte. Danken will ich auch Bernd Neumann und der Bremer CDU für ihre Unterstützung der Städtepartnerschaft. Sie alle waren, meine Damen und Herren, Brückenbauer in eine neue Epoche!
Man kann es sich heute gar nicht mehr richtig vorstellen, aber es bedeutete damals wirklich auf beiden Seiten viel, um die politischen Widerstände zu überwinden.
Dieses heute nochmal ins Bewusstsein zu nehmen, ist mir ein Anliegen.

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Pawel Adamowicz überreicht eine Skulptur der Danziger Werfktkräne

In diesen Tagen, Wochen und Monaten zeigt sich doch wie, wie fragil die demokratische Grundordnung Europas noch immer ist. Gerade dann aber kommt es auf solche kontinuierlichen und stabilen Freundschaftsbeziehungen an. Das ist gar nicht hoch genug einzuschätzen! Hier sehe ich in hohem Maße unsere Verantwortung. Eine Städtepartnerschaft ist nie selbstverständlich: sie muss immer neu mit Leben erfüllt werden.

Wir wissen, dass die beiden Städte Gdañsk und Bremen schon viel länger verbunden sind, als diese 40 Jahre. Beide sind Handels- und Hafenstädte. Der Bau von Schiffen und die hanseatische Kaufmannstradition waren von alters her die Grundlage für wirtschaftlichen Wohlstand. Beide Hansestädte vereint die Tradition als freie Städte, die in besonderer Weise immer wieder um ihre Freiheit kämpfen mussten. Dieser Geist ist bis heute zu spüren und hat eben auch mit dem oben genannten zu tun.

Selbst im Straßenbild fühlen wir Verwandtes: in Gdañsk fühlen sich die Bremer gleich heimisch, weil die gleiche Backsteingotik die Architektur der Städte prägt – auch sie ist Ausdruck starken Bürgerwillens, der ebenfalls unsere Städte verbindet.
Von den ersten Jahren der Städtepartnerschaft bis heute prägen vor allem der Austausch in Kultur und Sport, die Jugendbegegnung, sozialpolitische- und Wissenschaftskooperationen die Städtefreundschaft.

Mit den Pfadfindern, den Sportverbänden, der Caritas und der Arbeiterwohlfahrt, vor allem auch mit den Hochschulen und Kulturinstitutionen, aber auch anderen zivilgesellschaftlichen Institutionen, waren immer starke Partner in gemeinsamen Projekten tätig.1990 wurde dann das Bremen Business Büro Gdañsk eröffnet, so dass auch Wirtschaftskontakte ermöglicht werden konnten. Der Leiter dieses Büros, Alojzy Tomaszewski, ist heute unter den Gästen aus der Partnerstadt, worüber ich mich sehr freue.

Dialog statt
Dialog statt "kalter Krieg": Am 12. April 1976 unterzeichneten Bürgermeister Hans Koschnick und Danzigs Stadtpräsident Andrzej Kraznowski die Partnerschaftsurkunden in Danzig. Foto: Staatsarchiv Bremen

Unvergessen bleibt auch das starke Engagement von Christine Koschnick, die - schon bevor die städtepartnerschaftliche Rahmenvereinbarung offiziell unterzeichnet wurde - , die Deutsch Polnische Gesellschaft Bremen e.V. gemeinsam mit anderen gründete. Christine Koschnick, hatte auch einen maßgeblichen Anteil daran, dass die zerstörte Orgel in der wunderbaren St. Marien Kirche in Gdañsk restauriert werden konnte. Ihr Einsatz und ihre Leidenschaft führte letztlich sogar dazu, dass sie die polnische Sprache lernte, um sich mit den Freunden austauschen zu können. Liebe Christine! Es ist schön, dass Du heute bei uns bist und damit Dein Engagement, vor allem aber auch die Erinnerung an die Leistungen von Hans hier zum Ausdruck bringst. Du hast damit einen wichtigen Anteil an unserer Partnerschaft. Wir alle und ich ganz persönlich danken Dir dafür von Herzen.

„In Anerkennung des lebendigen städtepartnerschaftlichen Austausches seit 1976, getragen durch Zeiten der politischen Kälte als verlässliche Partner im Wandel der Gesellschaften und mit der Perspektive einer fruchtbaren Nachbarschaft im erweiterten Europa“ (Zitat der Erich-Brost-Urkunde) wurde die Partnerschaft zwischen Gdañsk und Bremen am 29. Oktober 2003 mit dem Erich-Brost-Preis in Anwesenheit des polnischen Staatspräsidenten Kwasniewski, des deutschen Bundespräsidenten Johannes Rau und der Bürgermeister der Städte, Pawel Adamowicz und Henning Scherf sowie des Bürgermeisters a. D. Hans Koschnick ausgezeichnet. Das war eine Anerkennung, an die aber immer wieder erinnert und die auch immer wieder erneuert werden muss.

Respekt, Verständigung und Solidarität prägen unsere Partnerschaft! Deshalb und in diesem Sinne möchte ich heute unseren Dank für die Partnerschaft und Freundschaft ausdrücken. Als Zeichen der Erinnerung an den heutigen Tag und die vergangenen 40 Jahre möchte ich Ihnen, lieber Pawel Adamowicz, heute diese Skulptur für „40 Jahre Zusammenarbeit in Frieden und Solidarität“ überreichen und wünsche mir und uns allen alles Gute für unsere Partnerschaft sowie das Beste für ein freiheitliches und demokratisches Polen. Herzlichen Dank.“

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Fotos: Senatspressestelle